Erotikliteratur

Erotik in der Literatur – zwischen leichter Unterhaltung und schwerer Kost

„Sex sells“ lautet ein Spruch, den man immer wieder hört, wenn von Werbung die Rede ist. Damit ist eigentlich gemeint, „mit Sex verkauft man gut“, also dass man mit sexuell „aufgeladener“ Werbung, in welcher Form auch immer, Produkte besser an den Mann oder die Frau bringt. Meist, so die gängige Meinung, an den Mann.

Betrachtet man nun, Anfang März 2015, die SPIEGEL Bestseller-Liste, so kann man die oben genannte Werbungs-Theorie etwas erweitern. Nämlich, dass „sex sells“ in Bezug auf Bücher auch „der Sex selbst verkauft sich gut“ heißen kann. Und offenbar ist die Zielgruppe für Erotik in der Literatur überwiegend weiblich.

ErotikliteraturAuf den ersten fünf Plätzen der SPIEGEL Paperback-Bestseller findet man drei Mal E.L. James‘ „Shades of Grey“ – auf den Plätzen 1, 3 und 5. In ein ganz ähnliches literarisches Horn stößt Anna Todd mit „After passion“ auf Platz 4. Nur auf Platz 2 geht es noch gesittet zu, wenn man so sagen darf. Jojo Moyes‘ „Ein Bild von dir“ vertritt das klassisch romantische Genre im Sinn von berührend und ans-Herz-gehend.

Vier der ersten fünf Paperback-Bestseller sind Anfang März 2015 also der erotischen Literatur zuzuordnen. Woher die Lust auf Lust in Buchform kommt und wie lange dieser Trend noch anhält, ist umstritten. Glaubt man der (mal mehr, mal weniger knappen) Mehrheit von LeserInnen-Kommentaren im Internet, handelt es sich nicht um lustvolle, sondern im besten Fall um lustige Geschichten.

Trotzdem steht die „Shades of Grey“-Reihe bereits seit 128 Wochen auf der SPIEGEL Bestseller-Liste. Und „After passion“ ist nur der erste Teil der „After“-Reihe, der (trotz des für den deutschsprachigen Markt unglücklicherweise unveränderten englischen Titels) mit weltweit über einer Milliarde LeserInnen erfolgreichsten Online-Story aller Zeiten. Die können sich ja nicht alle irren. Vielleicht auch ist die Gruppe der begeisterten Fans nicht ganz so kommentarfreudig wie die der KritikerInnen. Meckern ist ja immer leichter als loben.

Den „Bad Sex in Fiction Award“ der englischen Literaturzeitschrift „Literary Review“ wird wohl keine der beiden Autorinnen erhalten. Der Preis wird seit 1993 für die schlechteste Beschreibung einer Sex-Szene „in ansonsten achtbaren Romanen“ vergeben. Die Liste der Preisträger (auf die sich bisher nur vereinzelt Frauen verirrten) ist prominent besetzt: Tom Wolfe, Jonathan Littell, David Guterson, Manil Suri und, posthum, der zweifache Pulitzer-Preisträger Norman Mailer. 2014 „gewann“ Ben Okri. Es waren außerdem Haruki Murakami und Booker-Prize-Gewinner Richard Flanagan nominiert.

Die nominierten und ausgezeichneten Textpassagen sind leider nicht so einfach im Internet zu finden. Aber suchen lohnt sich. Flanagans „er küsste den rosigen Abdruck ihrer Strumpfhose, der um ihren Bauch verlief wie der Äquator um die Erde“ gehört noch zu den harmlosen Beispielen. Die meisten Bad-Sex-Preisträger nehmen‘s übrigens mit Humor: „There is nothing more English than bad sex“ (nichts ist so englisch wie schlechter Sex), kommentierte der in London geborene Rowan Somerville im Jahr 2010 seine „Ehrung“.

Fazit: Bei der Beschreibung erotischer Szenen scheinen AutorInnen aller Genres ins Stolpern zu geraten. Egal, ob ihre Bücher zur Schund- oder zur Weltliteratur gezählt werden. Es hilft also mal wieder nichts, man muss sich über Erotik in der Literatur selbst eine Meinung bilden – und lesen.

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