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Unterwerfung von Michel Houellebecq

unterwerfungUnterwerfung ist ein Buch, das spaltet. Deshalb ist es wichtig, genau zu wissen, um was es in dem Buch geht. Schon der Titel ist missverständlich. Aus der Geschichte kennen wir die Unterwerfung von Völkern durch andere. Imperien wie das römische sind durch brutale Unterwerfung entstanden. Unsere Eltern und Großeltern erlebten noch, dass Hitler im Osten vor allem Russland unterwerfen wollte, um die seiner Meinung nach slawischen Untermenschen den deutschen Herren dienstbar zu machen. Aus dem Geschichtsunterricht kennen wir die Unterwerfung Kaiser Heinrich IV. unter den Papst Gregor VII. als „Gang nach Canossa“. Aber auch in der Psychologie spielt Unterwerfung eine Rolle. Der Mensch kann nicht Mensch werden, ohne sich gesellschaftlichen Regeln zu unterwerfen und so zu seiner eigenen Identität zu finden. Religiöse Menschen glauben, sich einem höheren Wesen unterwerfen zu müssen, um ihr Glück zu finden. Siehe Hiob, der sich in seinem Leiden Gott unterwirft und so wieder ins Glück gehoben wird. In der Körpersprache drückt sich die Unterwerfung eines Menschen aus, Menschen versuchen einander zu dominieren. Rousseau brachte die Unterwerfung selbst in die Staatslehre, denn nur wenn sich alle Menschen einem Gesellschaftsvertrag unterwerfen, kann ein Staat existieren und dem Einzelnen Freiheit innerhalb bestimmter Grenzen garantieren. Die letzten Jahrzehnte wurde die Unterwerfung der Natur durch den Menschen unter ethischen und ökologischen Blickwinkeln diskutiert. Und Sado-Masochisten kennen die Unterwerfung als sexuelles Spiel mit Dominanz.

Bei Michel Houellebecq geht es weder um nackte Tatsachen noch Körpersprache oder imperiale Überfälle. Sein Roman spielt 2022, also in naher Zukunft, und dreht sich um den Literaturwissenschaftler François, der über den dekadenten Schriftsteller Huysmans forscht und gleichzeitig in den Strudel der französischen Präsidentenwahl gerät. Für das höchste französische Amt bewirbt sich neben anderen ein charismatischer Kandidat der Bruderschaft der Muslime. Ihm gelingt es immer mehr Stimmen auf sich zu vereinen, was einen Bürgerkrieg in Frankreich auslöst. In Paris beginnen Tumulte, Aufruhr und Straßenkämpfe verfeindeter Lager und Kulturen. Autos brennen, Menschen werden angegriffen, Geschäfte geplündert und François entschließt sich Paris zu verlassen, ohne dass ihm ein Ziel vor Augen steht. Für ihn beginnt eine Reise in sein eigenes Inneres. Derweil gewinnt die fiktive muslimische Partei mit Hilfe der Mitte-Linken die Präsidentschaftswahl und beginnt Frankreich nach den Werten des Islam umzugestalten.

Der Dumont Buchverlag, der das Buch in Deutschland auf den Markt bringt, sieht Houellebecqs Buch Unterwerfung positiv und schreibt: „Unterwerfung handelt vom Zusammenprall der Kulturen und stellt Fragen zum Verhältnis von Orient und Okzident, von Judentum, Islam und Christentum – Fragen, die heute so relevant sind wie nie. Michel Houellebecq präsentiert sich als furchtloser Gesellschaftsdenker, der die bestimmenden Spannungsverhältnisse unserer Epoche mit großer Ernsthaftigkeit – und zugleich mit virtuoser Ironie – ausdeutet.“

michel-houellebecq-unterwerfung_2Fakt ist, Houellebecq gehört aktuell zu den meistgelesenen europäischen Schriftstellern und ist heftig umstritten. Seine Kindheit und Jugend war gelinde gesagt bewegt: Als Kind in Algerien aufgewachsen, wurde er nach der Scheidung der Eltern zu seiner kommunistischen Großmutter gegeben. Er studierte Landwirtschaft, wurde Landwirtschaftsingenieur, versuchte Film zu studieren, heiratete, konnte die Geburt seines Sohnes nicht verkraften, wurde depressiv, arbeitete als Informatiker, später im Landwirtschaftsministerium als Angestellter. Nebenbei schrieb er immer öfter. Mit Elementarteilchen feierte er 1998 seinen internationalen Durchbruch, bekam aber auch die Kritik an seiner Kritik der narzisstischen Konsumgesellschaft des Westens zu spüren. Vor allem die sexuelle Frustration dieser Gesellschaftsform zieht sich als Leitmotiv durch sein bisheriges Werk.

Was ich in Deutschland immer öfter höre, wenn ich mich mit gesellschaftlich oder politisch engagierten Menschen unterhalte, nimmt auch Michel Houellebecq für sich in Anspruch: weder „links“ noch „rechts“ zu sein. Auf dieser Basis provoziert er. Etwa indem er sagt, Hitler sei nicht schlimmer als Napoleon gewesen. Oder Stalin: Der erscheint ihm sympathisch, weil er viele Anarchisten umgebracht hat. Den Hitler-Kollaborateur Pétain sieht er positiver als De Gaulle, weil er nicht aus Frankreich floh. Den Islam nannte Houellebecq die dümmste aller Religionen, weshalb ihn Islamverbände und die Französische Liga für Menschenrechte verklagten. Grund: „Anstiftung zum Rassenhass“. Das war 2002, doch gab das Gericht die Klage mit dem Hinweis zurück, Religionen zu kritisieren ist ein Grundrecht. Für mich schon fast absurd dabei ist, dass Houllebecq selbst mit der Glaubensbewegung der Raëlianer sympathisiert, der „Bewegung für den Empfang der Außerirdischen, Schöpfer der Menschheit“. Als Symbol verwendet die religiöse Bewegung ein Hexagramm und anfänglich auch ein mit dem Hexagramm verbundenes Hakenkreuz, das jedoch durch ein Windrad ersetzt wurde. Im Glauben der Raeliens sind „Elohim“, wissenschaftlich weit fortgeschrittene menschenähnliche Wesen von anderen Sternen, für die Schöpfungsgeschichte auf der Erde verantwortlich. Erich Däniken lässt grüßen. Die Erde, so glauben sie, sei vor 22.000 Jahren geschaffen worden. Meine Tastatur sträubt sich, die weiteren religiösen Anschauungen dieser Glaubensgemeinschaft niederzuschreiben. Wen es interessiert: Die Wikipedia liefert alle Hintergründe.

Es wundert also nicht, dass viele Houellebecq als Rassisten, Reaktionär und Islamophoben bezeichnen. Die Frage für mich ist: Wie viel von dem, was der Schriftsteller von sich gibt, ist seine Meinung, wie viel ist einfach geschickte marktkonforme Strategie, um von der Literatur leben zu können. In einem jedenfalls ist ein Urteil klar: Houllebecq kann schreiben. Seine Sprache fasziniert in ihrer Beiläufigkeit. Und so stehen die vielen Literaturpreise, die seine Werke einheimsten, für die Würdigung seines Könnens, nicht für seine Inhalte. Dass niemandem Denkverbote auferlegt werden dürfen, ist eine Forderung unserer demokratischen europäischen Lebensordnung. Was verdrängt wird, kommt irgendwann an die Oberfläche. Das gilt auch für die europäische Angst vor dem Islam.

Ob es Muslime, Einwanderer, Homos, Schwarze oder Juden sind: Alle diese Minderheiten sind nicht nur Opfer. Sie sind wie wir, wie jeder von uns. Gut und böse. Vielleicht liegt darin der Vorwurf, den Houellebecq macht: Dass die Antifaschisten, die Frankreichs Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg beherrschten, das zu wenig sahen, auf dem Auge der Muslime, Einwanderer, Homos, Schwarzen und Juden blind waren. So betrachtet müssen die Mitte-Links-Kräfte in seinem Roman Unterwerfung 2022 den islamischen Politiker Ben Abbès wählen, um Marine Le Pen zu verhindern und geraten so wie ehemals Pétain in eine Kollaboration, diesmal mit einem Islam, der genauso faschistisch ist, wie es Hitler war. In Unterwerfung konvertiert auch François zum Islam, denn die Saudis zahlen ihm an der islamisch kontrollierten Sorbonne nach der Machtübernahme ein höheres Gehalt. Und er braucht keine jungen Studentinnen mehr zu verführen, sondern darf ganz legal drei Frauen halten, die jüngste davon 15 Jahre alt. Wie schön, dass der neue islamische Präsident im Élysée-Palast intelligenter als Hollande ist, die Kriminalität besiegt und die Arbeitslosigkeit beseitigt!

UnterwerfungUnterwerfung, so kann man das Wort Islam übersetzen. Hingabe der Gläubigen an Allah, aber auch die Unterordnung der Nichtgläubigen unter den muslimischen Gott. Houellebecq nennt die Lektüre des Korans ekelerregend und schreibt: „Sobald der Islam entsteht, macht er durch seinen Willen zur Unterwerfung der Welt auf sich aufmerksam. Seine Natur besteht darin zu unterwerfen. Es handelt sich um eine kriegerische, intolerante Religion, die die Menschen unglücklich macht.“ Und eine Provokation sei sein Roman in keinem Fall. „Ich verdichte eine Entwicklung, die meiner Meinung nach im Bereich des Wahrscheinlichen liegt.“ Die Visionen von einer islamischen Zukunft Frankreichs spielen mit den Ängsten der Franzosen. Die einen haben Angst vor der Herrschaft der Rechten, die anderen vor einer Übernahme Frankreichs durch den Islam.

Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo in Paris hat das Buch Unterwerfung eine noch höhere Brisanz bekommen. Zwar geschieht die Unterwerfung unter den Islam bei Houellebecq friedlich und mit Unterstützung der französischen Linken und Konservativen, doch empfinden immer mehr Menschen den Islam nach dem Attentat selbst in seiner friedlichen Form als Bedrohung und fragen sich, wie viel Blut und Opfer es kosten wird, dass die Jahrhunderte dauernde Geschichte der Befreiung von Religion und ihren unterwerfenden Aspekten in Europa nicht umsonst war. Sie wird Blut und Opfer kosten. Freiheit von Unterdrückung und Dummheit ist nicht umsonst zu haben. Meinungsfreiheit, Aufklärung und Menschenrechte müssen auch von Anhängern des Islam geachtet werden, sonst gibt es keinen Platz für sie in unseren europäischen Kulturgesellschaften. Auch Zeugen Jehovas, Katholiken, Protestanten, Atheisten, Mormonen und andere müssen es sich gefallen lassen, dass man Witze, Comics oder Satire über sie und ihre Glaubensauffassungen macht. Wenn die Diskussionen über Houellebecqs Unterwerfung und das Attentat auf Charlie Hebdo diesen Grundkonsens einer multikulturellen Gesellschaft bestätigen, brächte uns das weiter.

Nehmen Sie teil an der Diskussion über den Roman Unterwerfung von Michel Houellebecq!

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