Lektorat: Ist der Lektor eine bedrohte Art?

LektoratHeute las ich einen Artikel, in dem die Zukunft des literarischen Lektors in Frage gestellt wurde. Das Selfpublishing der Autoren führe dazu, dass nach und nach Verlage und damit auch das Lektorat sterben werde. Schon heute könnten sich viele Verlage keinen Lektor mehr leisten, vielleicht werde noch im „hochliterarischen“ Bereich lektoriert, aber schon im wissenschaftlichen Bereich spiele der Lektor als Berufsgruppe des klassischen Verlags keine Rolle mehr.

Als ich vor vielen Jahren in einem Buchverlag mein Arbeitsleben begann, hatte dieser Verlag noch eine Abteilung Lektorat. Die Frage, ob der gleiche Verlag heute noch ein Lektorat hat, kann ich verneinen. Der Verlag hat das Zeitliche gesegnet und damit ist auch sein Lektorat untergegangen. Übrigens existiert der zweite Verlag, in dem ich vor mehr als zehn Jahren noch arbeitete, ebenfalls nicht mehr. Dort sprach man von Redaktion statt Lektorat. Auch dieser Verlag hat die Pforten geschlossen. Auch dort sind die entsprechenden Lektoratsstellen verschwunden. Okay, mag mancher sagen, das ist für die Betroffenen sicher nicht schön, aber ist es schlimm? Diese Frage ist nicht einfach mit JA oder Nein zu beantworten, schauen wir uns das Aufgabenfeld des klassischen Lektors doch an: Machen Sie sich selbst ein Bild!

Die deutschsprachige Wikipedia schreibt, das Arbeitsfeld des Lektors bezieht sich zunächst auf die Rechtschreibung, die Grammatik und den Stil eines Manuskripts. Das kann ich bestätigen. Aber muss ein Autor nicht Rechtschreibung, Grammatik und Stil beherrschen? Er sollte. So wie ein Schüler nach einer bestimmten Zeit Bruchrechnen oder ähnliches beherrschen sollte. Sie verstehen, was ich meine. Auch Autoren fliegen – bildlich gesprochen – hin und wieder aus der Kurve wie ein Autofahrer, der zu schnell fährt. Autoren übersehen Rechtschreibfehler oder Grammatikfehler, wenn sie im Schreibrausch (modern „flow“) ihre Handlung entwickeln. Die Manuskripte von Autoren beweisen es. Und erst der Stil: Nicht jeder Autor merkt, wenn er den Leser langweilt oder schiefe Vergleiche benutzt. Ich kann hier nicht auf alle Details dieser Arbeit eingehen, aber ich wage zu behaupten, dass mancher Autor ohne einen guten Lektor nicht bekanntgeworden wäre. Der Einfluss von Lektoren geht sehr weit, nicht selten sind sie als Co-Autoren für den Erfolg von Büchern verantwortlich – ohne dass ihr Name auf dem Buch-Cover erscheint. Viele Lektoren waren die besseren Autoren und erkannten das auch, indem sie sich als freie Schriftsteller einen Namen machten und aus dem Schatten des Literaturbetriebs heraustraten: Peter Rühmkorf, Elias Canetti, Oskar Loerke, Hermann Kasack, Horst Bienek, um nur ein paar zu nennen.

Schon in den letzten Jahrzehnten veränderte sich der Beruf des Verlagslektors dynamisch und erweiterte sich. Hatte ein Lektor noch nach dem Krieg nicht viel mehr zu tun, als Manuskripte zu beurteilen und zu „lektorieren“, wurde der Beruf in den letzten Jahren um einiges spannender, denn der Lektor avancierte zum Produkt-Politiker, zum Produkt-Marketer. Ich selbst erlebte das dahingehend, dass von mir verlangt wurde, das Verlagsprogramm eines Verlags mitzuentwickeln, also Vorschläge für Buchprojekte zu machen, die zur Verlagszielgruppe passten, dafür Autoren (Übersetzer, Korrektoren, Fachleute …) zu suchen und ein Konzept zur Vermarktung des Buches zu entwickeln. Ach ja, und das Coaching der Autoren nicht zu vergessen, Verständnis für Schreibblockaden zu haben, den Autoren unter die Arme zu greifen, sie psychisch zu unterstützen und und und

In den letzten Jahren konnte ich beobachten, dass sich durch die Digitalisierung Lektoratsdienstleistungen zu verlagsexternen Dienstleistern wie Literatur-Agenturen oder freie Lektorate verlagerten. Der Verlagslektor, wo es ihn noch gab, wurde zum Produkt-Manager, der das Lektorat, Korrektorat, das Verlagsmarketing etc. koordinierte und dafür sorgte, dass Buchprojekte so wie sie der Verlag brauchte, abgeschlossen wurden. Das Lektorat spaltete sich stark auf. Große Lektoratsfirmen entstanden kaum, meist bot sich der Beruf des Lektors für Germanistik-Studentinnen (die Mehrzahl) oder -Studenten an, die keine andere Stelle fanden. Lektorieren konnte jeder, dazu brauchte und brauchte es keine Prüfung oder sonstige Zulassungen. Ein ungeschützter freier Beruf. So ergab sich in den letzten Jahren für Verlage, die sich noch ein externes Lektorat leisten konnten, die Frage, welche Lektorin, welcher Lektor Qualität liefert. Mit schwankendem Ergebnis.

Schon 2006 veröffentlichte Gunther Nickel unter dem Titel „Krise des Lektorats?“ Berichte von Lektoren über die Gefährdungen ihres Berufs. Darin Beiträge von Denis Scheck und Dieter Wellershoff. Heute verlagert sich die Sicht auf Bücher immer mehr in Richtung Marketing, der Inhalt scheint immer weniger Bedeutung zu haben. Zu spüren ist das schon an den Covern, dem Design der Bücher: Hier wird stärker investiert als früher. Autoren wie Frank Schätzing, Toni Morisson oder J K Rowling lassen sich zu Popstars aufbauen, wenn nicht gleich aus dem Pop- und Medienbetrieb bekannte Gesichter einfach mittels Ghostwritern zu Autoren auf Zeit gemacht werden. So glauben Verlage heute das sichere Buchprodukt generieren zu können. Gehälter von Spitzen-Autoren gehen durch die Decke, für die breite Autorenmasse bleiben die Brosamen übrig. Event-Kultur hat sich im Buchhandel ausgebreitet und es braucht nur wenige Star-Autoren, um das Milliardengeschäft am Laufen zu halten.

Durch die Segnungen der Digitalisierung wissen Internetbuchhändler heute genau, was potentielle Leser auf ihren Seiten suchen. Die Spürnasen von Lektoren braucht es dazu nicht mehr. Wenn über eine geraume Zeit immer wieder Bücher über sagen wir den Flughafenbau gesucht werden, wissen Verlagsdirektoren, welchen Buchtitel sie schnellstmöglich in Auftrag geben sollten. Mit dem, was früher unter Bildungsbürgertum verstanden wurde, hat der landläufige Buchhandel nichts mehr zu tun. Im Zeitalter der E-Books können die Server sogar auswerten, welches Kapitel eines Buches besonders intensiv gelesen wurde. Zumindest weiß ein Buchhändler im Netz, wie viele Leser sich für ein Buch, in dem eine Katze verschwindet und wiedergefunden wird, interessieren. Je größer die Zahl der Interessenten, desto größer der Umsatz. Da braucht es auch kein großes Buchmarketing mehr, der Titel braucht nur noch bei Google suchmaschinenoptimiert oder per Anzeige sowie in der eigenen Shopsuche auftauchen und schon klingelt die Kasse.

Einen Lektor mit oder ohne Doktortitel braucht es in dieser neuen Welt des Buches höchstens noch als Einzelfirma, die in selbstausbeuterischer Weise für ein Putzfrauen-Honorar die von Autoren-Duos und Autoren-Kollektiven nach den Vorgaben der (Produkt-) Suchmaschinen produzierte „Contents“, wie es verräterisch heißt, wenigstens ein wenig in Form bringen, was Rechtschreibung, Grammatik und Stil angehen. Damit wäre der Lektoratsberuf wieder dort angekommen, wo er vor Jahrzehnten schon angesiedelt war. Nur dass die Angelas, Hilkes, Bettinas und wie sie alle heißen nicht mehr in den heiligen Hallen eines Verlags, sondern daheim im Wohnzimmer am Arbeitstisch über Formulierungen brüten, ohne ihr früheres Ansehen und ihr ehemals gesichertes und einem Akademiker angemessenes sicheres Gehalt. Ob freie Lektoren heute wenigstens den Mindestlohn pro Stunde verdienen, dürfte nicht immer gesichert sein. Berufsrisiko.

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