Helmut Kohl

Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle. Von Schwan/Jens.

Es gibt Bücher, die Literaturpreise erhalten. So wie jetzt auf der Frankfurter Buchmesse „Kruso“ von Lutz Seiler den Deutschen Buchpreis. Und es gibt Bücher wie „Vermächtnis“ von Heribert Schwan, die zwar keinen Preis erhalten, aber Bestseller werden. Fast muss man Lutz Seiler, den Buchpreisträger, bedauern, denn praktisch gleichzeitig mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises kommt das Buch von Heribert Schwan auf den Markt und verdrängt „Kruso“ aus dem Aufmerksamkeitsfokus in Deutschland. Nicht weil das Buch sprachlich-stilistisch ein Höhepunkt der deutschen Literatur wäre, sondern weil sein Inhalt fesselt, aufregt und Diskussionen auslöst. Dabei könnte der Titel nicht unspektakulärer sein: Vermächtnis. Nichts an dem Titel deutet daraufhin, dass sich zwischen den Buchdeckeln Sprengstoff befindet. Die Kohl-Protokolle heißt es im Untertitel. Das klingt schon ein wenig aufregender. Geschichtsbeflissene denken vielleicht an die geheimen Zusatzprotokolle des 1939 zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion geschlossenen Nichtangriffspakts, der Hitler beim Überfall auf Polen einen Zweifrontenkrieg ersparen sollte. Was sind die Kohl-Protokolle? fragt sich der aufmerksam gewordene Leser.

Kanzler der Einheit und Ehrenbürger Europas titulierte man Helmut Kohl, von 1982-1998 der sechste Bundeskanzler Deutschlands. Dass der Politiker Helmut Kohl nicht ganz dem Menschen entsprach, als den er selbst sich sehen wollte, legte schon sein Sohn Walter dar, der das Bild einer intakten Familie gehörig korrigierte. Nun veröffentlicht der Heyne-Verlag das Buch „Vermächtnis“, das Helmut Kohl als nachtragenden Menschen zeigt, der an seinen Mitarbeitern und Mitstreitern kaum ein gutes Haar lässt. Der Mann, der wegen seiner Dickleibigkeit, seiner angeblich mangelhaften Fremdsprachenkenntnisse, seiner provinziellen Herkunft und seiner mäßigen Rednergabe oft parodiert und als unfähig gehandelt wurde, kann selber, glaubt man dem Buch von Schwan, so hart austeilen, dass den politischen Weggefährten die Ohren schmerzen.

Buchcover Kohl-ProtokolleDas neue Buch über Kohl, so vermuten Feuilletonisten, könnte auf der Basis von Gesprächen geschrieben worden sein, die Heribert Schwan in den Jahren 2001 und 2002 mit dem Altkanzler in dessen Haus in Oggersheim führte. Damals soll Schwan Kohl über 100 Tage ausführlich befragt haben. Es entstanden 200 Tonbänder und 630 Stunden Mitschnitt. Schwan war damals engagiert worden, um als Ghostwriter der CDU-Ikone die Memoiren für Droemer Knaur zu schreiben („Erinnerungen“). Von der vereinbarten Kohl-Biographie erschienen bis heute drei Bände, allerdings fehlt noch der Teil über die letzten vier Jahre bis zu Kohls Abwahl aus dem Kanzleramt. Diesen vierten Band wird Schwan kaum mehr schreiben, denn die Beteiligten überwarfen sich. Angeblich war in den Verlagsverträgen mit Droemer Knaur vereinbart, dass Kohl jederzeit die Manuskripte korrigieren darf und bestimmt, was in seiner Autobiographie erscheint. Als Schwan zu einem WDR-Beitrag einen Begleitband herausgeben wollte, gingen Schwan die Änderungswünsche der zweiten Frau Helmut Kohls angeblich zu weit, weshalb er sich beim Altkanzler beschwerte. Das hätte er nicht tun sollen, denn nun erklärte Helmut Kohl 2009 das Ende der Zusammenarbeit mit Schwan.

Die 2001 und 2002 aufgenommenen Tonbänder waren immer noch im Besitz von Schwan, doch ein Gericht verurteilte ihn vor wenigen Monaten dazu, sie einem Gerichtsvollzieher herauszugeben. Als gewiefter Journalist hatte Schwan sich natürlich längst Abschriften der Bänder fertigen lassen. Sind diese Abschriften die „Kohl-Protokolle“? Der Spiegel will wissen, dass Helmut Kohl Schwan erlaubte, die Protokolle abseits seiner Memoiren zu verwenden. Andere wollen wissen, Helmut Kohl habe Anwälte beauftragt, das Schwan-Buch verbieten zu lassen. Schämt sich Kohl etwa seiner rüden und verletzenden Äußerungen über andere Politiker – von Merkel bis Gorbatschow? Sollten die Beschimpfungen, Beleidigungen und Denunziationen, die Helmut Kohl in entwaffnender Offenheit zu Protokoll gab und die jetzt im Internet kursierend Freund und Feind erregen, stimmen? Wundern würde es nicht, denn schon in seiner pfälzischen Heimat, als er noch nicht Bundeskanzler war, bedachte Helmut Kohl seine Nächsten mit derben Titulierungen, etwa in der samstäglichen Sauna im Hallenbad-Nord Ludwigshafen oder dem Weinkeller der Mainzer Staatskanzlei. Das brachte dem CDU-Politiker damals schon den Namen „pfälzischer Poltergeist“ ein. Die Äußerungen aus dem Ludwigshafener Bungalow zeigen Eingeweihten nur, dass es Kohl anscheinend nicht lassen konnte, sich über andere abfällig zu äußern. Wenn das „Vermächtnis“ die Abschriften der Gespräche 2001/2002 zur Grundlage hat: Muss Helmut Kohl heute den Vertrauensbruch durch Schwans „Vermächtnis“ dulden? Aufgrund seines Verlagsvertrags rechnete Helmut Kohl nicht mit einer unabgesprochenen Nutzung des Materials …

„Vermächtnis“ ist ein Buch, das, ginge es nach Helmut Kohl, nicht erscheinen sollte. Sein Erfolg beweist, dass Bücher noch heute die Welt bewegen, nicht nur Facebook-Einträge und Instagram-Posts. Es beweist auch, dass Politiker Menschen bleiben, egal, welche Funktionen sie ausüben. Sie sind genauso verletzlich wie wir. Und genauso hämisch, hinterlistig, misstrauisch und verletzend wie wir. Ja, wie wir! Oder wollen wir uns über Helmut Kohl erheben? Sind wir wirklich besser als unser Altkanzler? Sollten Gerichte feststellen, dass der Heyne-Verlag oder Heribert Schwan Persönlichkeitsrechte verletzten, so bleibt das Buch dennoch ein „einzigartiges Zeugnis der Zeitgeschichte“, wie es der herausgebende Verlag formulierte. Und es zeigt, dass sich an Helmut Kohl die Geister über Parteigrenzen hinweg scheiden dürfen.

Heribert Schwan hat an den Kohls viel Geld verdient. Nicht nur die „Erinnerungen“ Helmut Kohls spülten Geld in seine Kassen. Auch die mitfühlende Biographie über Hannelore Kohl, die im Juli 2011 erschien, brachte ordentlich Honorar: eine Viertelmillion verkaufte Bücher bis heute sind kein finanzieller Pappenstiel. Das Kölner Oberlandesgericht habe ihn, Schwan, zu einem „Mikrofonhalter“ degradiert, als es die Tonbänder mit den Gesprächsaufnahmen Helmut Kohl zusprach. Aber ist das so schlimm? Heribert Schwan sollte froh sein, über die Kohls schreiben zu können, ob als Mikrofonhalter oder Journalist. Denn sicher macht ihn „Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle“ zu einem der bestverdienenden deutschen Journalisten. Wetten?

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